Guten Tag, Herr Penis!

»Guten Tag, Herr Penis, schön Sie so schnell kennenzulernen…«

 

„Sieben neue Nachrichten“, sagt meine Freundin nach dem Kinofilm mit dem Blick auf ihr Handy. Ich schaue Sie triumphierend an und freue mich für Sie, denn Sie ist schon seit vielen Monaten auf der Suche nach einem neuen Partner. Unter sieben Nachrichten muss doch mindestens eine sinnvolle und sympathische Mail dabei sein, denke ich mir. Wie nahezu jeder Single heutzutage zieht auch Sie das Internet zu rate. „Ich könnte wetten, dass mindestens in drei oder vier Nachrichten Fotos von Geschlechtsteilen zu sehen sind.“ Ich runzle ungläubig die Stirn. Drei Minuten später wissen wir: Sie hatte recht. In drei Nachrichten – allesamt Erstkontakte, wohlgemerkt! – waren Penisfotos zu sehen. In allen erdenklichen Zuständen. Von halb schlaff bis richtig prall. Allesamt beachtlich in ihrer Größe. Einer sogar mit Penisring. „Jana, kannst du bitte mal in deiner Kolumne darauf hinweisen, dass Frauen Penisse zwar gern mögen, aber die Träger mit ihren Gesichtern mindestens genauso wichtig sind? Vor allem, wenn man sich erst mal kennenlernen möchte, bin ich nicht scharf auf Penisfotos!“

Also habe ich mich in meinem Freundeskreis umgehört und tatsächlich: Sie ist kein Einzelfall. Zwei Freundinnen haben sich sogar schon Penis-Ordner in ihrem Handy angelegt und zeigen sich jede Woche die neusten Exemplare. Und auch mir ist es schon passiert, dass ich ungefragt Genitalfotos bekommen habe. Und zwar nicht auf Singlebörsen oder ähnlichen Plattformen. Nein, auf ganz normalen sozialen Netzwerken.

Das Penis-Phänomen ist also schon weiter verbreitet als erhofft.

Aber: Warum wollen Männer gern ihren Penis vorstellen, bevor Sie der Dame ihr Gesicht zeigen? Ist etwa: „Mein Haus, mein Auto…“ out geworden? Muss es heute etwa heißen: „Ich bin Olaf, meine Penislänge beträgt 16,5 cm und schön geformt ist er auch noch. Guck mal…“?

Keine Frau würde auf die Idee kommen, ihre Brüste oder gar ihre Schamlippen zu fotografieren und an verschiedene Männer zu schicken. Fragt euch mal, warum?!

 

Ich frage mich, ob es nur die Männer mit den Pracht-Prügeln und Megastengeln sind, die ihre Fotos verschicken. Oder ob auch Männer mit Durchschnitts-Penissen ihre Wurstfotos im World Wide Web verbreiten. Also treffe ich mich mit den beiden Penis-Ordner-Freundinnen und wir werten gemeinsam die beiden umfangreichen „Datenbanken“ aus.

Unser Fazit: Es haben vor allem sehr sexuell orientierte Männer diese Fotos verschickt. Ein Mann, der ernsthaft eine Beziehung sucht, wird solche Fotos nicht von sich verschicken. Jedenfalls nicht so schnell. O.K., diese Schlussfolgerung ist nicht sehr schwer, zugegeben. Viel interessanter ist dagegen die Tatsache, dass die Fotos fast immer geschönt sind. Bei zwei Fotos konnten wir seltsame Photoshop-Unfälle entdecken. Einmal war der Hintergrund so dermaßen verzerrt, dass augenscheinlich aus 14 Zentimetern geschätzte zwanzig Zentimeter gezaubert wurden. Inklusive Stuhlbein im Hintergrund, welches danach ein prächtiges Stuhlbein war. Ein sehr prächtig. Auf einem anderen Foto hat der Herr nicht nur seinen Prügel, sondern gleich dazu seine eigene Hand bei der Bearbeitung des Fotos so verformt, dass diese ein Fall für die Handchirurgie wäre, wenn sie in der Realität so aussehen würde. Wie sehr diese Männer auf ihren Penis konzentriert gewesen sein müssen, dass sie das nicht bemerkt haben?

Da fällt mir gerade ein: Viele Männer haben bei der Recherche zu meinem fünften Buch bemängelt, dass Frauen ständig bei ihrem Äußeren schummeln. Kunstnägel, Haarverlängerungen und Silikon fänden sie total blöd. Selfies, die mit der echten Frau gar nichts mehr gemein haben. Frauen würden damit etwas darstellen, was sie gar nicht sind. Stimmt ja auch, dass kann ich nicht abstreiten. Ich kenne auch viele von dieser Sorte. Aber eine Wiener zu einer Bockwurst zu bearbeiten ist dagegen völlig in Ordnung?
Meine Freundinnen haben mir zudem berichten, dass Sie einige Penisse – durch welchen Umstand auch immer 😉 – später im Original kennengelernt haben. Keiner – wirklich keiner – sah in der Realität so verführerisch und prächtig aus wie auf dem Foto. Da wurde anscheinend so lange von allen Seiten und aus jedem Blickwinkel fotografiert, bis ein Foto ála „Wow, ist der Dickmann“ entstanden ist. Damit schießen sich die Männer übrigens selbst in den Schw… ähhh… ins Knie.

Mein Apell an alle Penisfotografen: Bitte lasst euren Lümmel so lange versteckt, bis eine Frau Lust hat, ihn selbst auszupacken und zu entdecken. Die klassische Variante ist in diesem Fall viel spannender. Und Luststeigernder. Habt wieder den Arsch in der Hose, eine Frau mit tollen Worten und einer atemberaubenden „Ersten Nachricht“ zu überzeugen, statt sie mit eurem Pracht-Lümmel – der er meistens noch nicht mal ist – zu „erschlagen“.

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