Der Mensch ist nur so treu wie seine Versuchungen!

»Der Mensch ist nur so treu wie seine Versuchungen«

Bei unseren Großeltern war es noch so: Um die Achtzehn oder Zwanzig lernten sich Oma und Opa kennen, Opa buhlte um Omas Gunst, sie verliebten sich ineinander und schon wurde geheiratet. Wenn Sie zur Hochzeit nicht schon schwanger war, dann wurde sie es kurz darauf. Die gemeinsame Einraumwohnung reichte völlig aus für drei – bald vier Köpfe – und keiner jammerte herum. Alle Hürden wurden erfolgreich überwunden und Höhen und Tiefen wurde ohne zu Murren hingenommen. Es gehört eben dazu. Sie leben noch heute zusammen und er liebt ihren Kuchen und ihren Sonntagsbraten. Bis der Tod sie scheidet.

Wir wissen alle zu gut, dass diese Form der Zusammengehörigkeit heute kaum noch entsteht. Die heutigen Zeiten sind mit den Bindungen von damals nicht mehr zu vergleichen. Aber warum ist das so? Sind wir im Grunde nicht dieselben Menschen wie vor 50 Jahren? Suchen wir nicht alle nach Geborgenheit, Sicherheit, Liebe und Glück? Doch! Nur heute gibt es einfach viel mehr Möglichkeiten. Unsere Gesellschaft stellt mittlerweile vieles infrage und Tabu´s werden nach und nach Gesellschaftsfähig. Früher hat jeder einfach genau das gemacht, was die Gesellschaft und die eigenen Eltern vorlebten. Und wehe, man wollte von der Norm abweichen, sich scheiden lassen oder ein bewusster Sinlge sein. Dann wären mitleidige Blicke nicht weit und hinter dem Rücken getuschelt, was mit einem wohl nicht stimmen mag.

Heiraten, Kinder bekommen und diese brav aufziehen war die Devise. Natürlich gab es damals schon Paare, die nicht sehr glücklich miteinander waren. Schwierigkeiten gibt es in jeder Partnerschaft, heute genauso wie damals. Unsere Eltern und Urgroßeltern haben diese schwierigen Zeiten einfach durchgestanden, ohne wenn und aber. Augen zu und durch.

Heutzutage – in unserer Wegwerfgesellschaft – kämpft man nicht mehr um alles. Man besorgte es sich einfach neu, tauscht es aus, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Ob mit Beziehungen, Autos, Freunden, Handys oder Möbeln. Ob das nun gut oder schlecht ist, kann jeder für sich selbst entscheiden.

Ich persönlich glaube, dass der Mittelweg der Richtige ist. Natürlich sollte man in keiner Beziehung unglücklich verweilen, denn dafür ist das Leben einfach viel zu kurz. Und wenn man viele Wege probiert hat, um darum zu kämpfen und es zu reparieren, es einseitig war und dennoch gescheitert ist, ist eine Trennung meistens für alle Beteiligten der sinnvollste Weg. Doch genau das Wort „kämpfen“ ist hier das Zauberwort. Denn das tun – aus meiner Sicht – heutzutage viel zu wenig Menschen.

Treten erste Probleme auf, dann versucht man es eine Zeit lang mit verdrängen und drüber hinweggucken. Das Grundproblem ist deswegen leider noch lange nicht aus der Welt. Wenn ähnliche Herausforderungen in einer Folgebeziehung erneut auftreten, muss man sich entweder (endlich) darum kümmern oder sich, mal wieder, einen neuen Partner suchen. Diese Tatsache rührt allerdings nicht von Faulheit oder einer Konfliktscheu her. Im Gegenteil. Man ist einfach zu müde zum kämpfen, wenn man gerade von einem anderen Schlachtfeld kommt. Man muss tagtäglich um viele Dinge im Leben kämpfen. Ob im Job, um Anerkennung, Erziehung, Gesundheit, Geld oder Respekt, um nur wenige zu nennen. Da bleibt die Partnerschaft oft auf der Strecke. Ich denke, dass heute genau aus diesem Grund die oben genannte Großeltern-Liebe kaum noch bestand haben kann wie zu früheren Zeiten. Der Zug ist gefühlt irgendwie abgefahren, ob wir es wollen oder nicht. Wir müssen uns anpassen. Aus diesem Grund möchte ich euch in diesem (für mich sehr wichtigen) Blogbeitrag die Beziehungsformen vorstellen, die mir jeden Tag – ob privat oder in meiner Tätigkeit als Sexpertin – begegnen.

Monogamie

Bei der Monogamie handelt es sich um die klassische Zweierbeziehung, wie Oma und Opa sie leb(t)en. Bis heute liegt sie hoch im Kurs. Zwei Menschen, die sich in einer Ehe oder eheähnlichen Gemeinschaft ihre emotionale und körperliche Treue versprechen.

Doch trotzdem sich das Führen einer monogamen Beziehung einfach anhört, ist es das meistens nicht. Es sind Regeln erforderlich, über die jedes Paar einmal gesprochen haben sollte. Da diese Eckpfeiler meistens nicht rechtzeitig abgesteckt werden oder die eigenen Sichtweisen als verständlich angesehen werden, entsteht viel Streitpotenzial bis hin zu unnötigen Trennungen. Ist Kontakt oder auch mal ein Treffen mit dem oder der Ex erlaubt? Wo fängt Untreue an? Beim Flirten, erotischem Chatten oder beim Küssen? Oder sogar erst beim Sex? Welche Tabus der Privatsphäre gibt es, wie zum Beispiel das Handy, Facebook oder der E-Mailaccount? Darf und sollte jeder seine Geheimnisse haben?

Man sieht also, auch wenn die Monogamie als einfache Beziehungsform gilt, ist sie es nicht unbedingt. Im Gegenteil. Eine gut laufende, jahrelange monogame Beziehung ist viel Arbeit. Sehr viel Arbeit.

Meine Sexpertin-Meinung: Ich denke, dass mindestens die Hälfte der monogamen Beziehung heutzutage nur auf den ersten Blick funktionieren. Ich bin in den Jahren meiner Arbeit unzähligen Leuten begegnet, die in einer monogamen Beziehung sind, sich aber nicht daran halten. Untreue, Affären und Lügen gab es schon immer – wirklich immer – und sind nicht ohne Grund der Hauptgrund Nr. 1 für Trennungen und Scheidungen. Ich liebe den Spruch: „Der Mensch ist nur so treu wie seine Versuchungen.“ Es ist leider so, auch wenn wir es nicht hören wollen. Versuchungen gibt es in Zeiten des Internets und der offenen, schnellen Worte einfach zu viele. Wie in allen Beziehungen ist auch hier das Zauberwort: Reden! Keine Beziehung, auch keine monogamen Beziehung, wird ohne intensive Gespräche über Gefühle, Regeln, Vertrauen, Freiheiten und Rücksichtnahme funktionieren.

Offene Beziehung

Einige Paare entscheiden sich nach einer längeren monogamen Phase für eine offene Beziehung. Über die Jahre hinweg spüren die Paare oftmals, dass die Monogamie auf Dauer doch keine Lösung ist. Sie erlauben sich gegenseitig Zärtlichkeit und Sex mit einer anderen Person. Ob gemeinsam im Swingerclub oder in erotischen, oftmals einmaligen Abenteuern. Jedes Paar macht sich ganz individuelle Regeln für die eigene offene Beziehung. Manchmal wird eine monogamen Beziehung nur zeitweise geöffnet, weil beide Partner erkennen, dass ein sexuelles Abenteuer kein Zeichen von mangelnder Liebe ist. Sogar ganz im Gegenteil. Dem Partner eine sexuelle Erfahrung zu gönnen, kann sehr bereichernd für sich selbst und auch für die Beziehung sein. Wenn einer der Partner oder sogar beide feststellen, dass sie sexuell gerne etwas ausprobieren möchten, was – aus welchen Gründen auch immer – nicht in die eigene Partnerschaft passt, kann eine offene Regelung eine gute Möglichkeit sein. Es gibt keinen Grund, den Partner hinterrücks anzulügen, fremd zu gehen oder in einer anderen Weise zu betrügen.

Meine Sexperten-Meinung: Ich glaube, dass diese Form der Beziehung in der heutigen Zeit gut funktionieren kann. Der große Vorteil einer offenen Partnerschaft ist, dass man mit dem Partner offen über seine Wünsche sprechen kann. Diese Offenheit schweißt einander stärker zusammen als sture und in Stein gemeißelte Monogamie. Wenn alle sich an die Regeln halten, die festgelegt wurden, diese Form eine echte Alternative. Voraussetzung ist, das man sich als Paar uneingeschränkt vertraut und liebt. Das Vertrauen eines Partners zu genießen ist ein großes Geschenk und man sollte damit sehr vorsichtig umgehen. Natürlich ist Eifersucht ein großes Thema, besonders bei dieser Form der Freiheiten innerhalb der Partnerschaft. Gespräche und uneingeschränkte Offenheit und Respekt können sehr gut helfen, Eifersucht zu überwinden oder die Regeln immer wieder neu anzupassen.

Polyamorie

Dieses Beziehungsmodell muss man aufsplitten in zwei Unterarten: Polyamor mit Primärpartner und Vielliebe – Polyamor.

Ersteres bedeutet, dass man einen Partner hat, mit dem man zusammen ist. Das ist der Primärpartner, mit dem man auch unbedingt zusammenbleiben möchte und gemeinsam in die Zukunft blickt. Zusätzlich gibt es dann noch eine oder mehrere Beziehungen nebenbei, die aber nicht mit allen Konsequenzen geführt werden. Sie ähneln eher einer Affäre mit Gefühlen. Liebe ist hier trotzdem ein ganz großes Wort. Es geht nicht nur um Sex, wie viele annehmen, sondern um gegenseitige Verpflichtungen, Absprachen und Rücksichtnahme auf die Primärbeziehung. Die verschiedenen Partner kennen sich in der Regel untereinander und haben auch Kontakt oder gar Beziehungen zueinander. Die Grundhaltung zur Polyamorie ist selten eine bewusste Entscheidung sondern vielmehr eine Grundeinstellung. Ich kenne viele Poly´s, die schon immer wussten, das Monogamie nicht ihr Beziehungsmodell sein würde. Noch bevor sie das Wort Polyamorie kannten, wollten Sie schon so leben und sich in der Liebe nicht einschränken. Was in den siebziger als „Freie Liebe“ bekannt wurde, hat heute einen festen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Und das ist auch gut so. Liebe ist nicht endlich und nur auf einen Menschen zu beschränken. Wir bekommen es heutzutage von Disney und Co. nur so beigebracht.

Wer richtig Polyamor lebt, ohne einen Primärpartner (zu haben und zu wollen), lebt die gleichberechtigte Vielliebe, in der man mehrere Menschen gleichzeitig gleichberechtigt liebt. Hierbei gibt es oft Schwankungen, wie viele Menschen gleichzeitig eine feste Rolle im Leben spielen.

Meine Sexperten-Meinung: Ich finde Polyamorie sehr spannend, denn ich bin überzeugt, dass man mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann. Liebe ist kein Topf voller Gefühle, der geschlossen von einer Person an die Nächste weitergegeben wird. Liebe ist unerschöpflich und ist kein begrenztes Gut. Liebe kann viele verschiedene Formen haben, denn man lebt die Eltern, Geschwister, Freunde, Haustiere oder Orte dieser Welt auch auf ganz unterschiedliche Weise. Diese Liebe kann auch für Partner unterschiedlich sein.

Polyamorie bedeutet, einen hohen Aufwand an Kompromissen einzugehen. Dem Partner Freiheiten geben, die man selbst auch genießen möchte. Offene Gespräche, Vertrauen, Gönnen können, Toleranz und Eifersuchtsbewältigung sind hierbei unerlässlich. Und sind wir mal ehrlich: Eine einzige Beziehung kann schon anstrengend sein, wie muss es dann erst mit Mehreren gleichzeitig sein?

Freundschaft Plus / Mingles

Wo früher das dritte Date oder der erstes Sex unausgesprochen eine feste Beziehung miteinander bedeutete, gibt es da heute noch viel dazwischen. Bei einer Freundschaft Plus handelt es sich weniger um eine Beziehung, sondern vielmehr um ein Übereinkommen unter Singles. Sex steht hier im Vordergrund. Unverbindlich und ohne Beziehungsverpflichtungen wird regelmäßig das Bett zusammen bespielt. In einer gesteigerten Form gehen die zwei auch zusammen ins Kino, Kuscheln miteinander, halten Händchen und genießt gemeinsame Abende. Quasi ein „Beziehung light“, ohne dazugehörige Verantwortung und Verpflichtungen. Nach einem gemeinsamen Abend gehen beide – bis zum nächsten Date – wieder ihrer Wege. Ich kenne viele Paare, die über eine längere Freundschaft Plus zu einem richtigen Paar wurden. Ich kenne aber ebenso viele, die nach Wochen, Monaten oder sogar Jahren als Fuckbuddies sexuell wieder getrennte Wege gingen, aber heute noch eng befreundet sind.  Oder eben nicht mehr befreundet sind. Die große Herausforderung hierbei ist, mit wenigen Worten zu sagen, was man von der Freundschaft Plus erwartet und wo die eigenen Grenzen liegen. Denn große Gespräche voller Gefühle sind in dieser Konstellation eher unwahrscheinlich. Die Gefahr, nicht dasselbe zu wollen, ist hierbei extrem groß.

Meine Sexperten-Meinung: Gerade für Singles, die nicht auf Sex verzichten wollen, eine gute Alternative. Fast jeder kennt die Situation, dass man jemanden sehr attraktiv  und anziehend findet, sich aber aus verschiedenen Gründen keine Beziehung mit ihr oder ihm vorstellen kann. Wenn das auch noch auf Gegenseitigkeit beruht, ist es die beste Voraussetzung für eine genussvolle Freundschaft Plus. Kompliziert wird es nur dann,  wenn ein Part Gefühle entwickelt. Und dies ist leider sehr häufig der Fall.

LAT – Partnerschaft auf Distanz

Living apart together – Getrenntes Zusammenleben. Diese Form der Partnerschaft ist mittlerweile weit verbreitet. Der Lustkiller Alltag rückt hiermit in den Hintergrund. Es gibt keinen gemeinsamen Alltag. Jeder wohnt in seiner Wohnung und das Paar verabredet sich zu gemeinsamen Treffen. Die Paare wollen sich ganz bewusst ihre Freiräume und Rückzugsmöglichkeiten erhalten. Living apart together ist ein Kompromiss aus Singleleben und Beziehung. Die Eierlegende Wollmilchsau?

Meine Sexperten-Meinung: Gerade für Menschen, die beruflich sehr eingespannt sind oder ihre besonderen Eigenarten einem anderen Menschen nicht anpassen wollen, kann dies durchaus ein funktionierendes Modell sein. Jede Fernbeziehung funktioniert genauso. Ich kann mir vorstellen, das bei diesem Modell die Nähe und Geborgenheit auf der Strecke bleibt, die einem ein gemeinsames Leben in einer Wohnung oder einem Haus ermöglicht. Alltägliche Rituale müssen nicht unbedingt langweilig sein, sondern können auch ein großes Gefühl der Sicherheit bieten. Ob LAT wirklich eine Dauerlösung sein kann, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber: Wer möchte schon irgendwann in hohem Alter allein wohnen?

Glücklicher Single

Glückliche und bewusst gewählte Singles suchen keines der vorher genannten Beziehungsmodelle. Sie lieben ihre Unabhängigkeit, das selbstbestimmte Leben und die Freiheit, die ihnen ihr Singleleben bietet. Keine Kompromisse, kein gegenseitiges Abstimmen, keine Rechenschaft und keine stinkenden Socken vom Partner auf der Couch. Heutzutage wird man als Single nicht mehr „bemitleidet“, weil man sich ja so schrecklich allein fühlen muss… Im Gegenteil. Bewusste Singles strotzen häufig nur so vor Energie und sehen rundum glücklich aus. Sie haben sich für ein freies Leben ohne Partner entscheiden. Fragen wie: „Warum ist denn eine so tolle Frau /Mann wie du noch Single?“, dürfen müde belächelt werden. Wenn der Mensch attraktiv ist, der sie das fragt, dann küssen Sie ihn lieber, damit er nicht noch mehr dämliche Fragen stellt.

Meine Sexperten-Meinung: Eine Singlezeit kann sehr befreiend sein und einem wieder dem wichtigsten Menschen im Leben näher bringen: Sie selbst! Es bleibt genügend Zeit, sich nur um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Ob nun für ein Jahr, fünf oder den Rest des Lebens. Hauptsache glücklich. Solange kein nachhaltiger Wunsch nach einem Partner da ist, freue ich mich für jeden mit, der sich bewusst für ein Singleleben entscheidet.

Triade

Einen Triade ist eine Beziehung zwischen drei Menschen. Ob diese Konstellation zwischen zwei Frauen und einem Mann, zwei Männern und einer Frau oder komplett Gleichgeschlechtlich stattfindet, ist unbedeutend. Die Beziehung zwischen den drei Partnern ist mit all seiner Verantwortung bindend. Oft entsteht eine Triade aus einer stabilen Zweierbeziehung heraus, die offen gelebt wurde. Lernt das Paar, entweder gemeinsam oder nur einer von beiden, einen Menschen kennen und lieben, kann diese Dreierbeziehung entstehen. Von einer richtigen Triade spricht man dann, wenn sich alle drei Partner lieben und gleichberechtigt Zusammenleben, wie in einer „normalen“ Zweierbeziehung auch.

Ich habe dir einige moderne und völlig unterschiedliche Beziehungsmodell vorgestellt. Für welche Form der Beziehung sich jeder selbst entscheidet, ist zum Glück jedem selbst überlassen. Doch eines ist uns sicher: Eine spannende Zukunft voller Möglichkeiten und partnerschaftlicher Selbstverwirklichung liegt vor uns. Auf geht´s!

Deine Sexpertin Jana Förster

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